Vogelfütterung

Seit einiger Zeit gibt es Stimmen, die für eine Fütterung von Vögeln während des ganzen Jahres plädieren. Aber ist das aus Sicht des Natur- und Artenschutzes tatsächlich sinnvoll?

Es gibt von wissenschaftlicher Seite Argumente für beide Seiten: Einerseits ist eine Ganzjahresfütterung ein Eingriff in den normalen Ablauf der Evolution und das Ökosystem. Die Fütterung bevorzugt vor allem Arten, die wenig Scheu vor dem Menschen haben und gut mit der im Handel angebotenen Vogelnahrung zurechtkommen. In den meisten Fällen ist das nicht deckungsgleich mit den bedrohten Arten, im Gegenteil: Wirklich bedrohte Arten können das Problem haben, dass sie sich noch schwerer gegen die gut gefütterten Kulturfolger durchsetzen können.

Andererseits hat der Mensch durch seine radikale Umgestaltung der Naturlandschaft schon schwerwiegend in die Ökologie eingegriffen – ein normaler evolutionärer Wettbewerb zwischen den Arten ist häufig kaum möglich. Eine Fütterung könnte also dazu beitragen, den bedrohten Vögeln unter die Arme zu greifen. Dabei wäre es aber durchaus wichtig, dass man die richtigen Vögel gezielt füttert. Der Vogelforscher Peter Berthold vertritt diese Position in seinem Buch „Vögel füttern - aber richtig“ (ISBN-13: 978-3440116449) und gibt Tipps, wie dann gefüttert werden sollte.

Es gibt aber sowohl von Seiten des BUND, aber auch des NABU sehr gute Argumente gegen eine Rundumversorgung der Tiere.

Wichtig ist, dass eine Ganzjahresfütterung in den meisten Fällen nicht dem Natur- und Artenschutz dient, sondern eine Hilfeleistung für einzelne Individuen darstellt (was aber legitim sein kann). Der Rückgang vieler Vogelarten ist auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen, Futtermangel ist nur einer davon. In Großbritannien wird traditionell schon sehr lange von Vogelfreunden rund ums Jahr gefüttert, leider ohne viel Erfolg für den Artenschutz – auch dort sind die Vogelarten genauso zurückgegangen wie im restlichen Europa. Dies legt nahe, dass Fütterungen keinen großen Beitrag zum Artenschutz leisten können. Wenn man dann bedenkt, dass in Deutschland jährlich über 40 Millionen Euro für Vogelfutter ausgegeben werden, ist Skepsis angebracht – dieses Geld wäre in Projekten, die versuchen den ursprünglichen Lebensraum, inklusive natürlicher Nahrungsquellen, wiederherzustellen und zu erhalten wahrscheinlich deutlich besser aufgehoben.

Ergänzend kommt hinzu, dass das handelsübliche Vogelfutter häufig niederer Qualität ist und Samen gebietsfremder Arten beinhaltet. Dies kann zu einer unerwünschten Verbreitung invasiver Pflanzenarten führen. Anstatt also viel Geld in zumindest wissenschaftlich fragwürdige Fütterung zu investieren, sollte man dieses eher in die Gestaltung eines naturnahen Gartens anlegen oder in Spenden für lokale Projekte, die naturnahe Ackerrandstreifen unterstützen oder die sich beispielsweise für wiesenartige Verkehrsinseln und andere naturnahe Begrünungen von Kommunen und landwirtschaftlichen Flächen einsetzen.

Des Weiteren gibt es auch tierrechtliche Argumente: Wildtiere haben das Recht darauf, souverän ihre eigenen Probleme auf ihre eigene Weise zu lösen. Die Einmischung des Menschen in die eigenen Angelegenheiten von Wildtieren und unser Eindringen in ihren Lebensraum haben erst zu den Problemen geführt, deren wir heute Zeuge sind. Ziel aller Bemühung sollte daher sein, dass Wildtiere endlich wieder eigenständig und gemäß ihren eigenen Regeln (und dazu gehört auch die evolutionäre Konkurrenz um Nahrung) überleben können. Unsere Hilfe sollte immer Hilfe zur Selbsthilfe sein. Mit Fütterungen machen wir Wildtiere hingegen noch weiter abhängig von uns, sowohl von uns als Gesellschaft, als auch von einzelnen Menschen (was passiert denn, wenn jemand, der immer zugefüttert hat, plötzlich wegzieht, verstirbt, o.ä.?) – das sollten wir tunlichst vermeiden.

Natürlich gibt es gewisse „Schwellenbereichstiere“, also Kulturfolger, die auf der Schwelle zwischen Wildtieren und domestizierten Tieren ihre ökologische Nische gefunden haben. Diese haben sich an das Nahrungsangebot unserer Siedlungen angepasst. Diesen Tieren gegenüber haben wir durchaus eine Verantwortung, insbesondere wenn wir unsere Siedlungen immer mehr „aufräumen“ und so das Nahrungsangebot verknappen. Bei extremen Wetterlagen kann es deshalb durchaus sinnvoll sein zuzufüttern, etwa bei einer geschlossenen Schneedecke und/oder bei schwerem Frost.

Letztlich werden sich Menschen aber immer ethisch verpflichtet fühlen, einzelnen Tieren zu helfen, wenn diese in einer (scheinbaren) Notlage sind – unabhängig von allen anderen Argumenten zum Arten- und Naturschutz. Dies ist völlig legitim und ein nobles Anliegen. In diesem Sinne muss jeder für sich selbst entscheiden, ob und wann er/sie füttert. Man darf sich dabei bloß nicht der Illusion hingeben, dass man auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zum Natur- oder Artenschutz leisten würde.

Weitere Informationen und Tipps gibt es auch in der BUND-Broschüre "Vögel im Winter", die beim BUNDladen bestellt werden kann: Broschüre bestellen

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