Die Kegelrobbe (Halichoerus grypus)

Die Kegelrobbe hat früher den ganzen Ostseeraum besiedelt. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Mensch sie fast ausgerottet, die Bestände dramatisch dezimiert.

Aussehen und Biologie

Kegelrobben auf Helgoland (Foto: Pixabay - Letti-S)

Die Kegelrobbe (Halichoerus grypus) ist eine von zwei Robbenarten, die heute wieder in deutschen Gewässern vorkommen und gilt als das größte Raubtier Deutschlands. Die Kegelrobben der Ostsee (Halichoerus grypus grypus) bilden sogar eine genetisch isolierte Unterart zur Population der Nordsee dar. Dieser Unterschied spiegelt sich unter anderem in einer im Durchschnitt etwas geringeren Körpergröße und einem geringeren Gewicht wider.

Ihren Namen verdankt die Kegelrobbe ihrer markant kegelförmig zulaufenden Schnauze, die ohne deutlichen Absatz in die Stirn übergeht. Aufgrund dieser Kopfform wird sie im Englischen auch umgangssprachlich als „Horsehead“ („Pferdekopf“) bezeichnet. Im Gegensatz zu Seehunden lassen sich bei Kegelrobben die Geschlechter deutlich unterscheiden. Männliche Kegelrobben besitzen meist ein sehr dunkles, nahezu schwarzes oder dunkelgraues Fell mit hellen Flecken, während das Fell der Weibchen heller ist und dunkle Flecken aufweist.

Auch in der Körpergröße zeigt sich dieser Geschlechtsunterschied deutlich: Männliche Kegelrobben können eine Länge von bis zu 2,8 Metern erreichen und dabei zwischen 250 und 330 Kilogramm wiegen. Weibchen bleiben mit etwa 2,3 Metern Körperlänge und einem Gewicht von bis zu 200 Kilogramm deutlich kleiner. Damit sind Kegelrobben erheblich größer und schwerer als Seehunde und stellen die größten wildlebenden Raubtiere Deutschlands dar.

Ähnlich wie Seehunde erreichen Kegelrobben ein hohes Lebensalter. Männchen werden etwa 25 bis 30 Jahre alt, Weibchen können 30 bis 35 Jahre erreichen. Wie alle Hundsrobben besitzen auch Kegelrobben keine sichtbaren Ohrmuscheln - ihre Ohren liegen als kleine Öffnungen unter der Haut. Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Seehunden sind die Nasenlöcher: Bei Kegelrobben verlaufen sie parallel und senkrecht an der Nasenspitze, während sie bei Seehunden eine V-Form bilden.

Bestandsentwicklung und Lebensraum

Historische Populationsentwicklung der Ostsee-Kegelrobbe der letzten 120 Jahre (Carroll et al., 2024)

Früher galten Kegelrobben an den europäischen Küsten als häufige Art, doch intensive Bejagung und Verfolgung führten dazu, dass sie bereits im frühen 20. Jahrhundert im südlichen Ostseeraum weitgehend verschwunden waren und auch im Wattenmeer stark dezimiert wurden. In der Nordsee wurde die Art über Jahrhunderte von Fischern als Nahrungskonkurent betrachtet und war dort beinahe ausgerottet, bevor sich erste Populationen im späten 20. Jahrhundert wieder etablierten.

In der Ostsee hatte die Kombination aus Jagd, Habitatverlust und vor allem starkem Umweltgift-Eintrag in der Nachkriegszeit dramatische Auswirkungen auf die Fortpflanzung und Population. Zwischen 1940 und den 1980er Jahren schrumpfte der Bestand auf vermutlich nur 3.000 Tiere. Umweltgifte wie PCB und DDT führten zu einer verminderten Fruchtbarkeit und einer nur langsamen Populationserholung.

Erst durch umfassende Schutzmaßnahmen, die rechtliche Absicherung über internationale Abkommen wie die FFH-Richtlinie und HELCOM-Vereinbarungen (1988) sowie den Rückgang der Belastung durch Schadstoffe konnte sich die Art in der Ostsee allmählich erholen. Heute leben wieder um die 55.000 Kegelrobben in der Ostsee, mit besonders hohen Zahlen im nördlichen Teil des Meeres.

Regelmäßige Sichtungen und sporadische Fortpflanzungserfolge wurden seit den frühen 2000er-Jahren an verschiedenen Stellen der südlichen Ostsee dokumentiert, einschließlich der dänischen Schären und des Kattegat. Die Besiedelung der deutschen Ostseeküste ist bisher schwächer ausgeprägt, aber auch hier treten einzelne Tiere regelmäßig auf – insbesondere im Bereich des Greifswalder Boddens und nahe der Greifswalder Oie.

Auch in der Nordsee haben sich die Bestände deutlich erholt. Bei den gemeinsamen Zählungen 2024/25 wurden über 12.000 Kegelrobben gezählt, darunter mehr als 3.000 Jungtiere. Der Großteil der Tiere, ca. 8.600 Kegelrobben, leben im niederländischen Wattenmeer. Im niedersächsischen Wattenmeer wurde eine Population von 1.500 Kegelrobben gestgestellt, auf Helgoland waren es ca. 1.000 Tiere. Im schleswig-holsteinischen und im dänischen Wattenmeer wurden jeweils 100 Robben gezählt. Dies zeigt eindrucksvoll, dass sich die Art in traditionellen Verbreitungsgebieten wieder etablieren kann, wenn sie Schutz und geeignete Lebensräume findet.

Nahrungsbeschaffung

Häufigkeit verschiedener Beutearten in untersuchten Kotproben von Kegelrobben. Die Farben kennzeichnen unterschiedliche Fischgruppen. Besonders häufig nachgewiesen wurden bodenlebende Rundfische (Steinpicker, Langstachliger Seeskorpion), Plattfische (Seezunge, Kliesche) und Sandaale – ein Hinweis auf das breit gefächerte Nahrungsspektrum der Kegelrobbe. Der bedrohte Dorsch spielt in diesem Nahrungsspektrum eine untergeordnete Rolle - vermutlich aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit (Heße, 2024)

Kegelrobben sind opportunistische Räuber. Das bedeutet, dass sie vor allem jene Beutetiere jagen, die regional und saisonal gerade am häufigsten und besten verfügbar sind. Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Fischen wie Scholle, Hering, Flunder oder Dorsch. Daneben fressen sie auch Krebs- und Weichtiere wie Garnelen und Tintenfische. In seltenen Fällen können Kegelrobben auch andere Meeressäuger erbeuten, dies stellt jedoch keinen regelmäßigen oder wesentlichen Bestandteil ihrer Ernährung dar.

Ihre kräftigen, konisch geformten Zähne sind gut geeignet, auch größere und robuste Beutetiere zu ergreifen. Der tägliche Nahrungsbedarf einer ausgewachsenen Kegelrobbe liegt im Durchschnitt bei etwa 5 bis 7 Kilogramm, variiert jedoch je nach Körpergröße, Jahreszeit und Energiebedarf.

Bei der Nahrungssuche unternehmen Kegelrobben ausgedehnte Tauchgänge. Diese können bis zu 20 Minuten andauern. Während in anderen Meeresgebieten große Tauchtiefen von bis zu 300 m erreicht werden können, bleiben die Tauchgänge in der Ostsee meist deutlich flacher und erfolgen häufig in Tiefen unter 100 Metern. Unter Wasser sind Kegelrobben sehr wendig und können kurzfristig Geschwindigkeiten von bis zu etwa 35 km/h erreichen.

Wie auch Seehunde verfügen Kegelrobben über ausgeprägte Barthaare, sogenannte Vibrissen. Mit diesen hochsensiblen Sinnesorganen können sie selbst in trübem Wasser feinste Wasserbewegungen wahrnehmen und so die Spur ihrer Beute verfolgen.

Während der Paarungszeit und des Fellwechsels jagen Kegelrobben nur wenig oder gar nicht. In diesen Phasen leben sie von ihren Fettreserven. Eine dicke Speckschicht unter der Haut dient dabei als wichtiger Energiespeicher, den sie sich in den Monaten intensiver Nahrungssuche wieder anlegen müssen.

Fortpflanzung und Jungtiere

Kegelrobbe im Lanugo-Fell (Foto: Pixabay - A_Different_Perspective)

Weibliche Kegelrobben erreichen in der Regel die Geschlechtsreife ab etwa 4 Jahren, wobei genaue Altersangaben zwischen Populationen leicht variieren können. Bei Männchen setzt die Geschlechtsreife ebenfalls in diesem Bereich ein, doch um in sozialen Rangkämpfen mit anderen Männchen konkurrenzfähig zu sein und erfolgreich Paarungen zu gewinnen, sind sie häufig etwas älter und größer. Dominante Männchen können während der Fortpflanzungszeit mehrere Weibchen um sich scharen und in direktem Wettbewerb um Paarungspartner stehen.

Kegelrobben paaren sich normalerweise etwa zum Ende der Säugeperiode des vorherigen Jahres, doch beginnt die eigentliche Entwicklung des Embryos erst nach dem Ende der embryonalen Diapause (Keimruhe). Nach einer Gesamtdauer von etwa 11 Monaten Tragezeit bringen Weibchen fast jedes Jahr ein einzelnes Jungtier zur Welt. In der Ostsee liegt der Geburtszeitraum typischerweise zwischen Januar und März.

Neugeborene Kegelrobben tragen ein weiches, weißes Lanugo-Fell, das nicht wasserdicht ist. Dieses sogenannte Embryonalfell bietet zwar thermischen Schutz, ist jedoch nicht für das Schwimmen geeignet, weshalb die Jungtiere in den ersten Wochen ihres Lebens an Land bleiben. Die Muttermilch ist sehr fettreich (50 % Fettanteil) und ermöglicht ein schnelles Wachstum. Nach etwa drei bis vier Wochen beginnt der Haarwechsel zu einem dichten, wasserabweisenden Fell, und die Jungtiere verlassen zunehmend das Land und das Wasser, um sich selbstständig auf Nahrungssuche vorzubereiten.

Richtiges Verhalten bei Sichtungen!

1. Abstand von mindestens 100 m halten & Weg zum Wasser freilassen!

2. Nicht anfassen, füttern oder verfolgen!

3. Hunde anleinen!

4. Leise sein! Robben sind geräuschempfindlich

5. Sichtung melden! Entweder über die Robben.App des LKN.SH oder die Polizei

Sichtung oder Fund via Robben.App (LKN.SH) melden*

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Jesreel Dietrich

Projektleiter Robbe in Sicht! & Projektadministration BUND SH
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