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BUND-Landesverband Schleswig-Holstein e.V.

Insektensterben: real und weitreichend

19. Oktober 2017 | Lebensräume, Naturschutz, Landwirtschaft, Schmetterlinge, Wildbienen

Eine neue Studie, die in der wissenschaftlichen Zeitschrift PLoS One veröffentlicht wurde, hat die seit Monaten in Deutschland diskutierten Ergebnisse zum Insektensterben in einem Krefelder Naturschutzgebiet bestätigt: An 96 in Deutschland untersuchten Orten nahm die Masse an Fluginsekten in den letzten 27 Jahren um bis zu 82 Prozent ab.

Verteilung des Insekten-Biomasse über den Untersuchungszeitraum. Die graue Linie gibt den Durchschnitt wieder.  (Hallmann et al. / PLoS One )

Die Untersuchung

Die ersten Ergebnisse der Entomologischen Gesellschaft Krefeld bezogen sich lediglich auf ein lokales Naturschutzgebiet in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde ein Rückgang der Fluginsekten um bis zu 80 Prozent seit dem Ende der 1980er Jahre dokumentiert. Diese Ergebnisse waren vor allem im Bundestagswahlkampf massiv von Seiten der Landnutzer sowie diesen nahestehenden Politikern angegriffen worden: Die Daten seien nicht repräsentativ und es seien ja nur Hobby-Forscher gewesen.

Dabei hatten schon andere Untersuchungen an Schmetterlingen und Bienen stellenweise Bestandsabnahmen von über 50 Prozent festgestellt. Diese Untersuchungen waren aber in der Tat bisher nur bedingt aussagekräftig, da sie sich auf einzelne Individuen oder Arten bezogen hatten und dies nur wenig Aussagen über den Gesamtzustand der Insektenfauna zulässt.

Nun wurde eine größere Datenreihe der Krefelder Forscher zusammen mit Universitäten aus den Niederlanden und Großbritannien einer ausführlichen Analyse unterzogen. Im Fokus stand dabei die Biomasse aller untersuchten (Flug-)Insekten, die ein besserer Anzeiger für den Zustand  der Insektenwelt ist.
Untersucht wurde an 96 Standorten in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen sowie Rheinland-Pfalz. Die Messungen fanden zwischen 1989 und 2016 in verschiedenen Schutzgebieten (Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete, Natura 2000, etc.) statt. Es waren dabei die verschiedensten Lebensräume vertreten, unter anderem Heiden, Wälder, Dünen, Brachflächen, Wiesen und Weiden. Parallel wurden Wetterdaten, Artenzahlen der Pflanzen sowie Daten über die Landnutzung erfasst. Letztere wurden jedoch nur quantitativ erfasst, eine qualitative Erfassung der Intensivität der Landnutzung (etwa Pestizid- und Düngereinsatz) wurde nicht erfasst.
Insgesamt sind Daten ausreichend genau und verteilt erhoben worden, um eine repräsentative Aussage für das gesamte Untersuchungsgebiet treffen zu können.

Ergebnis: bis 82 Prozent weniger Insektenmasse

Das Ergebnis der Untersuchung ist eindeutig: In der Sommermitte hat die Biomasse der Fluginsekten im Durchschnitt um 82 Prozent abgenommen. Über den gesamten Untersuchungszeitraum lag die Abnahme bei durchschnittlich 76 Prozent.
Diese Abnahme war über alle untersuchten Lebensräume hinweg konstant und ist somit kein spezifisches Problem einzelner Lebensräume, sondern ein generelles Phänomen (in Schutzgebieten) in Deutschland.

Die Ursache für diese katastrophale Abnahme lässt sich aufgrund der vorliegenden Daten leider nicht abschließend feststellen. So wurde zwar eine Veränderung der Durchschnitttemperatur von 0,5°C sowie eine Abnahme der Artenzahl bei den untersuchten Pflanzen in den vergangenen 27 Jahren erfasst, ein direkter Zusammenhang mit der Abnahme an Insekten ließ sich aber bei der wissenschaftlichen Auswertung nicht herstellen. Im Gegenteil: Die Effekte des Klimawandels hätten sogar positiv für Insekten sein müssen.

Nicht untersucht und ausgewertet werden konnte der Einfluss der Intensivierung der Landnutzung, etwa durch mehr Pestizid- und Düngereinsatz, da hierfür im direkten Umfeld der Naturschutzgebiete keine konkreten Daten vorlagen. Der Einfluss der Landwirtschaft ist daher in der zitierten Studie statistisch nicht ohne weiteres nachweisbar.

Jedoch waren 94 Prozent der untersuchten Gebiete komplett von landwirtschaftlicher Nutzfläche umgeben. Die Autoren der Studien vermuten deshalb, dass die Schutzgebiete „Insektenquellen“ sein könnte, die durch die lebensfeindliche Landschaft in der Umgebung geleert werden: Die Insekten wachsen in den Schutzgebieten nach, wandern in die Agrarlandschaft ab und sterben dort. Irgendwann ist dann die Fähigkeit der Schutzgebiete die Insektengesellschaften nachwachsen zu lassen erschöpft und die Insekten nehmen dann endgültig auch in den Schutzgebieten ab.

Durch viele andere Untersuchungen ist ein starker Zusammenhang zwischen Artenschwund und Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung auch nachgewiesen. So schreibt das Bundesamt für Naturschutz im Artenschutzreport 2015: "Die Ursachen für die teil dramatische Verschlechterung des Zustandes der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft sind vielfältig, stehen aber regelmäßig im Zusammenhang mit hochintensiver Landwirtschaft.
Das Umweltbundesamt schreibt in seiner Publikation "5-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz", dass nach fachlicher Überzeugung des Umweltbundesamtes die derzeitige Intensität des chemischen Pflanzenschutzes in Deutschland ökologisch nicht nachhaltig sei. Die unvermeidbaren, indirekten Effekte von Pestiziden seien einer der relevanten Faktoren für den Rückgang der biologischen Vielfalt in der deutschen Agrarlandschaft.

Klar ist auf jeden Fall auch, dass zurzeit die Schutzgebiete in Deutschland ihre eigentliche Funktion nicht erfüllen, wenn in ihnen die Masse an Insekten so massiv abnimmt.

Forderungen des BUND

Die Ergebnisse dieser repräsentativen Studie sind alarmierend, denn auch wenn die Ursachen noch nicht abschließend geklärt sind: Das Insektensterben ist real und kein politisches Schreckgespenst der Naturschutzverbände. Deshalb muss jetzt schnell und entschieden gehandelt werden: 

  • Kontrolle des Pestizideinsatzes verbessern sowie Daten zentral zusammenführen und auswerten
  • Umfassende Steuer oder Abgabe auf Pestizide und Stickstoff einführen
  • Zugang zu Pestiziden für Privatpersonen einschränken
  • Verschärfung der Schutzgebietsverordnungen, u.a. vollständiges Verbot von Pestiziden
  • Etablierung eines bundesweiten und langfristigen Insektenmonitorings, eingebettet in ein umfassendes Biodiversitätsmonitoring
  • Unabhängige Ursachenforschung zusammen mit den staatlichen Hochschulen etablieren
  • Zulassungsverfahren unabhängig von Pestizid-Herstellern gestalten
  • Reform der EU-Agrarpolitik, um Artenvielfalt auf dem Acker zu fördern 

Auch das Umweltbundesamt fordert in einem Fünf-Punkte-Papier einen radikal anderen Umgang mit Pestiziden. Diese Punkte müssen sofort umgesetzt werden.

Quelle: PLoS one, „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“ (2017)  

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