Seehund (Phoca vitulina)

Der Seehund ist ein gewandter Jäger, der sich nach seinen Tauchgängen auf Stränden und Sandbänken zurückzieht. Während im Wattenmeer die größten deutschen Bestände leben, gilt der Seehund in der deutschen Ostsee als gefährdet und steht seit 2020 auf der Roten Liste unter "Gefährdung unbekannten Ausmaßes".

Aussehen und Biologie

Der Seehund ist die zierlichere Art unter den beiden heimischen Robbenarten. Wie die Kegelrobbe gehört sie zu den Hundsrobben und hat otterähnliche Vorfahren. Charakteristisch sind eine rundliche Kopfform, große dunkle Augen und eine kurze Schnauze. Anatomisch sind die Tiere perfekt für die Jagd im Wasser angepasst: Alle vier Gliedmaßen sind flossenartig geformt und mit Schwimmhäuten versehen. Zudem können Seehunde Nasen- und Ohrenöffnungen unter Wasser verschließen. Damit können die ausgezeichneten Schwimmer Geschwindigkeiten bis 35 km/h im Wasser erreichen.

Der wissenschaftliche Name Phoca vitulina des Seehunds lässt sich mit „Kälbchen-Robbe“ übersetzen und meint den verspielten und neugierigen Charakter der Meeressäuger. Sie sind im Vergleich zu ihren Artsverwandten, den Kegelrobben, kleiner und leichter. Die Fellfärbung variiert je nach Region: In deutschen Gewässern sind sie meist dunkelgrau gefärbt mit unregelmäßig verteilten schwarzen Flecken. Den Geschlechterunterschied kann man anhand von Größe und Gewicht machen. Die Weibchen erreichen eine Körperlänge von bis zu 1,60 Metern lang und ein Gewicht von etwa 80 Kilogramm. Die Männchen werden etwas größer mit bis zu 1,80 Metern und bis 150 Kilogramm Gewicht.

Seehunde können ähnlich wie Kegelrobben ein hohes Lebensalter erreichen. Seehundmännchen werden etwa 20 bis 25 Jahre alt, während Seehundweibchen sogar eine Lebenserwartung von bis zu 30 bis 35 Jahren erreichen können. Einmal jährlich, zwischen Juni und August, durchlaufen sie den Fellwechsel, auch Haarwechsel genannt. Dieser Prozess ist für die Tiere eine besonders energieaufwendige Phase.

Bestandsentwicklung und Lebensraum

Der Seehund zählt neben dem Schweinswal und der Kegelrobbe zu den heimischen Meeressäugern der Ostsee. Der Seehund ist hauptsächlich an der Nordseeküste und im länderübergreifenden Wattenmeer verbreitet.

In der gesamten Ostsee gibt es aktuell nur etwa 12600 Seehunde, standen jedoch vor etwas 60 Jahren kurz vor der Ausrottung, was bis zuletzt auf die Bejagung und Verbreitung von Krankheiten zurückzuführen ist. Bis 1974 wurden Robben intensiv bejagt, da sie als Konkurrenz zur Fischerei galten. Zusätzlich wirkten Umweltbelastungen und Lebensraumverlaust vermehrt auf sie ein. In Folge der Ausbreitung der Seehundstaupe 1988 (PDV) kam 60% des Bestands im Wattenmeer ums Leben. Heute sind Seehunde streng geschützt auf Grundlage der HELCOM-Konvention (1992) sowie der FFH-Richtlinie. Außerdem stehen sie auf der Roten Liste und die Bestände erholen sich.

Nachdem die Bestände lange Jahre durch Jagd, Krankheiten und Umweltbelastungen stark dezimiert wurden, befindet sich nach umfangreichen Schutzmaßnahmen die Population der Nordsee auf einem Höchststand, gemessen an den Bestandszahlen von 1975. Experten gehen derzeit von etwas mehr als 40.000 Tieren im gesamten Wattenmeer aus, etwa 12.000 davon in den Küstengewässern von Schleswig-Holstein. In der deutschen Ostsee werden dagegen nur noch etwa 200 Tiere gesichtet, die sich hauptsächlich an der dänischen sowie der südschwedischen Küste aufhalten. An der schleswig-holsteinischen Ostseeküste variieren die Sichtungs- und Fundzahlen in den letzten Jahren im zweistelligen Bereich.

Mehr zum Meeresschutz

Gross, S. und Sieberts, U. (2024): Bericht des Instituts für terrestrische und aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover: Meeressäugerfunde an den Küsten Schleswig-Holsteins 2024.

Nahrungsbeschaffung

Seehunde sind geschickte Jäger, die sich fast ausschließlich von Fischen ernähren. Ausgewachsene Seehunde haben einen Nahrungsbedarf von 3-5 Kilogramm am Tag. Die Nahrung setzt sich aus verschiedensten Arten wie Heringen, Sardinen, Dorschen, Lachsen, Stinten und verschiedenen Plattfischen zusammen. Jüngere Seehunde bevorzugen hauptsächlich Krebs- oder Weichtiere. Sie sind opportunistische Räuber und ernähren sich von saisonal und regional verfügbaren Beutetieren. Seehunde sind Lungenatmer und müssen regelmäßig an die Wasseroberfläche, um Luft zu holen. Ihre Tauchgänge dauern durchschnittlich 3 Minuten, können sich aber bis zu 30 Minuten hinziehen und bis zu 480 Meter tief gehen. Die Fangzüge dauern ein bis drei Tage und führen die Jäger bis zu 30 Kilometer hinaus aufs offene Meer. Nach den Beutezügen müssen sich die Tiere mindestens genauso lange auf Sandbänken ausruhen.

Mit sogenannten „Vibrissen“ orientieren sich die Robben im trüben Wasser an den Wasserwirbelungen, die ihre Beutetiere hinterlassen. Die hochsensiblen Barthaare sind mit über tausend Nerven durchzogen und nehmen kleinste Bewegungen im Wasser wahr.

Fortpflanzung und Jungtiere

Das Seehundjahr in der Nord- und Ostsee  (BUND SH)

Die Geschlechtsreife tritt bei weiblichen Seehunden meist im Alter von drei bis vier Jahren ein, während männliche Tiere im Alter von fünf bis sechs Jahren fortpflanzungsfähig werden. Die Paarungsphase erstreckt sich von Anfang Juli bis Ende August und schließt unmittelbar an die Setzzeit an. Nach der Befruchtung folgt die mehrmonatige Keimruhe, sodass die eigentliche Entwicklung des Embryos erst im Dezember beginnt. Nach einer Gesamtragzeit von etwa zehn Monaten werden die Jungtiere von Ende Mai bis Ende Juli geboren. Die wichtigsten Wurfgebiete befinden sich auf Sandbänken oder Küstenabschnitten der dänischen Inseln oder an der Küste Südschwedens.

Neugeborene Seehunde wiegen zwischen 7 und 10 Kilogramm. Während der drei- bis sechswöchigen Säugephase, die an Land stattfindet, verdreifachen die Jungen ihr Geburtsgewicht. Die Muttermilch weist einen Fettgehalt von rund 50 % auf und ermöglicht den Jungtieren den Aufbau eines isolierenden Fettpolsters als Kälteschutz und Energie-Notreserve. Ein besonderer Anpassungsvorteil besteht darin, dass Seehunde ihr Embryonalfell bereits im Uterus abwerfen. Dadurch sind die Neugeborenen unmittelbar schwimmfähig und können dem Muttertier ins Wasser zu folgen. Bis zum Ende der Säugezeit sichern Lautäußerungen und Gerüche den Kontakt zwischen Mutter und Jungtier. Sobald die Jungen auf sich allein gestellt sind und die selbstständige Jagd erlernen müssen, sind die adulten Seehunde wieder bereit für die nächste Paarung.

Gefährdung

Seehund | Illustration: Lisa Pannek

In der Zeit während des Fellwechsels und vor allem direkt nach der Geburt sind Seehunde besonders empfindlich: Ergreifen Muttertiere die Flucht, weil sich eine mögliche Gefahr nähert, können die Jungtiere in dieser Zeit nicht gesäugt werden. Dies kann zur Folge haben, dass die Jungen durch zu geringes Gewicht geschwächt sind. Damit erhöht sich das Risiko, dass sie Infektionen oder schwere Stürme nicht überstehen. Seehunde und Kegelrobben verfügen nur über eine begrenzte Mutter-Jungtier-Bindung. Werden sie voneinander getrennt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Jungtier nicht wieder angenommen wird und auf sich allein gestellt bleibt. Die verlassenen Jungtiere rufen häufig nach ihren Müttern und werden aufgrund dieser charakteristischen Lautäußerungen als „Heuler“ bezeichnet. Unberührte Rückzugsgebiete sind für eine gesunde Seehundpopulation also eine notwendige Voraussetzung.

Auch außerhalb der Geburts- und Aufzuchtzeit ist ein rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Robben von großer Bedeutung. Deshalb ist es wichtig, darüber zu informieren, wie man sich bei einer Begegnung mit den Tieren richtig verhält. Zu geringer Abstand, freilaufende Hunde, Wassersportaktivitäten oder laute Geräusche können Seehunde erheblich stören und sie von ihren wichtigen Ruhe- und Liegeplätzen vertreiben. Nicht jeder ruhende Seehund ist zwangsläufig hilfsbedürftig!

Zu den wichtigsten Gefährdungsfaktoren für Seehunde zählen Umweltverschmutzung, insbesondere durch Schadstoffeinträge aus Industrie, Schifffahrt und Landwirtschaft, sowie Krankheiten. Besonders schwerwiegend waren die Ausbrüche der Seehundstaupe (Phocine Distemper Virus, PDV), einer hochansteckenden Viruserkrankung, die unter anderem Atemwegsentzündungen, Lungenentzündungen und schwere Schwächezustände verursacht.

Die Epidemie von 1988 führte zum Tod von rund 18.000 Seehunden in Nord- und Ostsee. Eine weitere Krankheitswelle im Jahr 2002 forderte sogar etwa 21.700 Tiere. Beide Ausbrüche hatten erhebliche Auswirkungen auf die Bestände, insbesondere im Wattenmeer. Kegelrobben waren von den Epidemien dagegen deutlich weniger betroffen.

Richtiges Verhalten bei Sichtungen!

1. Abstand von mindestens 100 m halten & Weg zum Wasser freilassen!

2. Nicht anfassen, füttern oder verfolgen!

3. Hunde anleinen!

4. Leise sein! Robben sind geräuschempfindlich

5. Sichtung melden! Entweder über die Robben.App des LKN.SH oder die Polizei!

Sichtung oder Fund via Robben.App (LKN.SH) melden*

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Jesreel Dietrich

Projektleiter Robbe in Sicht! & Projektadministration BUND SH
E-Mail schreiben Tel.: 0176-84961654

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