Die verschwundene Dunkelheit
Stell dir vor: Du stehst in einer klaren Sommernacht unter einem mit Sternen übersäten Himmel. Nachtfalter, Fledermäuse und Igel durchstreifen den Garten. Und da sieh nur: Eine Sternschnuppe!
Dieses Bild wird leider immer seltener, denn die künstliche Aufhellung nimmt stetig zu: Straßenlaternen, Werbetafeln, angestrahlte Gebäude oder Gewerbebeleuchtung erhellen die Nacht und verhindern den Blick auf die Sterne. Allein in Kiel gibt es heute mindestens 50fach mehr Straßenlaternen als noch vor 60 Jahren.
Dieses Phänomen wird Lichtverschmutzung genannt. Sie entsteht nicht nur durch direkte Lichtquellen, sondern auch durch den Skyglow: Künstliches Licht, das von Wolken und Partikeln in der Atmosphäre reflektiert wird und den Nachthimmel über Siedlungen in ein unnatürliches Dämmerlicht taucht. Das Licht wird durch die Reflektion an Wolken weit über die Siedlungsgrenzen hinaus gestreut.
Wenn Licht zur Falle wird
Die Folgen der künstlichen Aufhellung der Nacht sind dramatisch – für Tiere, Pflanzen und auch für uns Menschen. Besonders betroffen sind nachtaktive Insekten, die auf die natürliche Dunkelheit der Nacht angewiesen sind. 60 % aller Insektenarten sind nachtaktiv und orientieren sich am schwachen Licht von Mond und Sternen. Schon geringe künstliche Lichtquellen locken sie aus ihren Lebensräumen. Eine einzige Laterne kann Insekten aus einem Umkreis von bis zu einem Kilometer anziehen. Dieses Phänomen wird als „Staubsaugereffekt“ bezeichnet: Die Tiere fliegen gezielt auf die Lichtquelle zu und umkreisen sie stundenlang. Dort werden sie zur leichten Beute für Fressfeinde oder sterben vor Erschöpfung.
Pro Nacht sterben durchschnittlich 150 Insekten an einer einzigen Laterne. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das über eine Milliarde Insekten – jede Nacht.
Doch nicht nur nachtaktive Arten leiden unter der Lichtverschmutzung. Auch tagaktive Insekten wie Bienen und Tagfalter sind betroffen: Künstliches Licht in der Nacht stört ihren natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus und verkürzt ihre Ruhephase. Während wir Menschen nachts zum Schlafen und Ausruhen unsere Schlafzimmer verdunkeln können, haben Tiere diese Möglichkeit nicht.
Warum uns das alle angeht
Insekten sind unverzichtbar für unser Ökosystem: Sie bestäuben Pflanzen und dienen als wichtige Nahrungsquelle für viele Tiere wie Vögel, Fledermäuse, Igel oder Fische. Ihr Rückgang gefährdet damit unsere eigene Lebensgrundlage.
Gemeinsam für die natürliche Dunkelheit bei Nacht
Der BUND Schleswig-Holstein setzt sich aktiv für den Erhalt der natürlichen Dunkelheit bei Nacht ein – und lädt alle ein sich zu beteiligen. Besonders im eigenen Garten und am Haus lassen sich mit kleinen Änderungen große Effekte erzielen, denn Gärten bieten Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Viele Menschen gestalten ihre Gärten mit viel Liebe und Mühe – doch künstliches Licht kann diese Bemühungen zunichtemachen.
Indem wir unser Zuhause zu einer „Insel der Dunkelheit“ machen, schaffen wir wertvollen Lebensraum für Insekten. Und als Geschenk erhalten wir etwas besonders Schönes zurück: Einen ungetrübten Blick auf den Sternenhimmel.
Der BUND empfiehlt für die Beleuchtung am Haus:
- Licht vermeiden: Nur das Licht von Sonne, Mond und Sternen ist „insektenfreundlich“. Künstliches Licht kann nur „weniger insektenschädlich“ gestaltet werden. Daher sollte die Beleuchtung am Haus auf ein Minimum an Funktionslicht, zum Beispiel am Hauseingang (wenn die Umgebungsbeleuchtung oder öffentliche Beleuchtung nicht ausreicht), reduziert werden. Gärten, Bäume, Sträucher oder Gewässer sollten gar nicht beleuchtet werden – sie sind wichtige Rückzugsorte für viele Tiere. Wer wirklich nachts in den Garten muss, kann sich mit einer Taschenlampe aushelfen.
- Abschirmung: Wo Funktionslicht notwendig ist, sollte die Leuchte so abgeschirmt sein, dass sie nur nach unten leuchtet. Kugelleuchten, Bodenstrahler und das Anleuchten von Flächen sollten unbedingt vermieden werden - sie haben einen weite Abstrahlung in die Umgebung und ziehen dadurch viele Insekten an.
- Niedrige Anbringung: Je niedriger die Leuchte angebracht ist, desto weniger Licht strahlt unnötig in die Umgebung ab. Gerade bei Wegen reicht häufig Knie- oder Hüfthöhe.
- Helligkeit reduzieren: Leuchtmittel mit möglichst geringer Helligkeit (Lichtstrom) wählen. Im privaten Bereich reichen 100-300 Lumen oft aus. Der Lichtstrom ist eine Pflichtangabe auf der Packung. Dimmbare Leuchten ermöglichen eine nachträgliche Einstellung des Lichtstroms.
- Warme Lichtfarbe: Warm-weiße, gelbe Lichtfarben (unter 2700 Kelvin) ziehen weniger Insekten an als kaltes, bläulich-weißes Licht. Ideal sind sogenannte Amber-LEDs mit bernstein-farbenem Licht (1800 Kelvin).
- Kurze Leuchtdauer: Licht nur einschalten, wenn es benötigt wird – nicht dauerhaft. Das gilt insbesondere für Solarleuchten, die gerne mal die ganze Nacht durchleuchten. Jede Leuchte sollte mit An- und Ausschalter oder Bewegungsmelder ausgestattet sein. Fällt die Wahl auf den Bewegungsmelder, sollte darauf geachtet werden, dass dieser gut eingestellt ist und nicht unkontrolliert auslöst.
- Fenster abdunkeln: Insekten werden nicht nur von Außenbeleuchtung, sondern auch von Innenlicht angezogen, das durch die Fenster nach draußen strahlt. Das betrifft insbesondere Wintergärten. Das Schließen der Vorhänge oder das Herunterlassen der Rollläden am Abend helfen dabei, Streulicht zu vermeiden.
- Über Haus und Garten hinaus: Setze dich in deiner Nachbarschaft dafür ein, dass auch Gewerbe- und Straßenbeleuchtung angepasst werden.
Vorteile der Reduktion von Lichtemissionen:
- Weniger Lichtemissionen bedeuten weniger Energieverbrauch, also geringere Stromkosten
- Weniger Lichtemissionen erhöhen die Lebensqualität für Menschen, Tiere und Pflanzen
- Weniger Lichtemissionen erlauben die wahre Ästhetik der Nacht und des Sternenhimmels zu genießen
Wie du Nachtfalter beobachten kannst und wie vielfältig nachtaktive Falter und Raupen in Wahrheit sind, erfährst du in unserem Projekt VielFALTERleben: